Prädiabetes umkehren: 58 Prozent weniger Herzrisiko, was die Studie zeigt
Wer Prädiabetes in Remission bringt, senkt laut einer großen Reanalyse das Risiko für Herztod deutlich. Was der Befund bedeutet und was nicht.

Prädiabetes gilt als Warnstufe auf dem Weg zum Typ-2-Diabetes. Lange hieß es zudem, dass Lebensstiländerungen das Herz-Kreislauf-Risiko in diesem Stadium kaum senken. Eine große neue Auswertung aus London stellt diese Sicht infrage und liefert eine bemerkenswert klare Botschaft: Wer Prädiabetes tatsächlich umkehrt, also den Blutzucker zurück in den Normalbereich bringt, senkt sein Herzrisiko deutlich. Dieser Beitrag ordnet ein, wie belastbar der Befund ist und was er für die Praxis bedeutet.
Kurz gefasst
- Eine Reanalyse zweier großer Langzeitstudien untersuchte, was die Umkehr von Prädiabetes für das Herz bedeutet.
- Wer eine Remission erreichte, also normale Blutzuckerwerte, hatte ein deutlich niedrigeres Risiko für schwere Herzprobleme.
- Konkret zeigten sich 58 Prozent weniger kardiovaskulärer Tod oder Klinikaufnahmen wegen Herzschwäche und 42 Prozent weniger schwere Herzereignisse.
- Der Effekt hielt über Jahrzehnte an, beruht aber auf einer Reanalyse bestehender Daten und nicht auf einer neuen Studie.
- Die Botschaft lautet, dass nicht nur das Verzögern, sondern die echte Remission das eigentliche Ziel sein sollte.
Worum es geht
Prädiabetes bezeichnet erhöhte Blutzuckerwerte, die noch nicht die Schwelle zum Diabetes erreichen. Nach den Kriterien der amerikanischen Diabetesgesellschaft zählen dazu ein Nüchternzucker von 100 bis 125 mg/dl, ein Wert von 140 bis 199 mg/dl im Zuckerbelastungstest oder ein Langzeitwert HbA1c von 5,7 bis 6,4 Prozent. Das Stadium ist weit verbreitet, weltweit sind nach Schätzungen mehr als eine Milliarde Menschen betroffen. Bedeutsam ist, dass Prädiabetes nicht nur in einen Diabetes übergehen kann, sondern auch eigenständig mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist.
Was die Studie fand
Die Untersuchung wurde von einem Team um Andreas Birkenfeld am King's College London geleitet und im Fachjournal The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlicht. Das Team wertete die Daten zweier großer Präventionsstudien neu aus, die Menschen mit Prädiabetes über Jahrzehnte begleitet hatten, eine in den USA und eine in China. In beiden Studien waren die Teilnehmenden zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung angeleitet worden. Wer dabei eine Remission des Prädiabetes erreichte, hatte ein um 58 Prozent geringeres Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben oder wegen Herzschwäche ins Krankenhaus zu kommen. Das Risiko für schwere Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall lag um 42 Prozent niedriger. Bemerkenswert war, dass dieser Schutz noch lange anhielt, nachdem sich die Werte normalisiert hatten.
Warum der Befund so beachtet wird
Die Aufmerksamkeit erklärt sich aus dem Kontext. Jüngere Untersuchungen hatten nahegelegt, dass Lebensstiländerungen allein, also Bewegung, Gewichtsabnahme und gesunde Ernährung, das Herz-Kreislauf-Risiko bei Prädiabetes nicht messbar senken. Die neue Auswertung verschiebt den Blick: Entscheidend scheint nicht die gesunde Gewohnheit für sich, sondern das tatsächlich erreichte Ergebnis, also die Rückkehr zu normalen Blutzuckerwerten. Der Studienleiter ordnete die Remission von Prädiabetes sogar als möglichen vierten großen Baustein der Vorbeugung ein, neben dem Senken von Blutdruck und Cholesterin und dem Rauchstopp.
Was man einschränkend sagen muss
So ermutigend der Befund ist, eine nüchterne Einordnung gehört dazu. Es handelt sich um eine Reanalyse bereits vorhandener Daten und nicht um eine neue, eigens dafür angelegte Studie. Die Ergebnisse beschreiben einen Zusammenhang, keinen zweifelsfrei bewiesenen Ursache-Wirkungs-Beweis. Zudem sind die genannten Prozentwerte relative Risikoreduktionen, die den tatsächlichen individuellen Nutzen je nach Ausgangsrisiko unterschiedlich groß ausfallen lassen. Die Remission selbst wurde in den Ursprungsstudien über Lebensstilmaßnahmen erreicht.
Einordnung für die Praxis
Trotz dieser Einschränkungen stärkt die Auswertung eine wichtige und motivierende Botschaft: Prädiabetes ist kein unausweichliches Schicksal, sondern in vielen Fällen umkehrbar, und diese Umkehr lohnt sich offenbar besonders für das Herz. Für die Beratung bedeutet das eine Schwerpunktverschiebung, weg vom bloßen Hinauszögern des Diabetes hin zum Ziel einer echten Normalisierung der Werte. Der Weg dorthin führt weiterhin über mehr Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und, wo nötig, eine Gewichtsabnahme. Sinnvoll ist eine individuell begleitete Strategie mit regelmäßiger Kontrolle der Blutzuckerwerte, abgestimmt auf die persönliche Situation.
Häufige Fragen
Was ist Prädiabetes? Prädiabetes ist ein Stadium mit erhöhten Blutzuckerwerten, die noch nicht die Schwelle zum Diabetes erreichen. Es ist weit verbreitet und mit einem erhöhten Risiko sowohl für einen Typ-2-Diabetes als auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.
Kann man Prädiabetes umkehren? Ja, in vielen Fällen lässt sich der Blutzucker durch Lebensstilmaßnahmen wieder normalisieren. Diese Remission war in der Auswertung mit einem deutlich niedrigeren Herzrisiko verbunden, das über Jahre anhielt.
Wie stark sinkt das Herzrisiko? In der Reanalyse war eine Remission mit 58 Prozent weniger kardiovaskulärem Tod oder Klinikaufnahme wegen Herzschwäche und mit 42 Prozent weniger schweren Herzereignissen verbunden. Diese Werte sind relative Risikoreduktionen aus Beobachtungsdaten, kein zweifelsfreier Kausalbeweis.
Wie erreicht man eine Remission? In den zugrunde liegenden Studien wurde die Umkehr über mehr Bewegung, eine gesündere Ernährung und eine Gewichtsabnahme angestoßen. Eine individuell begleitete Strategie mit regelmäßiger Kontrolle der Werte ist dabei ratsam.
Quellen
- King's College London. Lowering blood sugar cuts heart attack risk in people with prediabetes. Pressemitteilung, Dezember 2025. https://www.kcl.ac.uk/news/lowering-blood-sugar-cuts-heart-attack-risk-in-people-with-prediabetes
- Birkenfeld AL, et al. Prädiabetes-Remission und kardiovaskuläres Risiko: Reanalyse der Diabetes Prevention Program Outcomes Study und der Da Qing Diabetes Prevention Outcomes Study. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2026.
- Reversing prediabetes cuts risk of deadly heart problems by 58%. ScienceDaily, 13. Juni 2026. https://www.sciencedaily.com/releases/2026/06/260613034237.htm
- Getting blood sugar back to normal may cut heart risk in prediabetes. Diabetes.co.uk, Dezember 2025. https://www.diabetes.co.uk/news/2025/dec/getting-blood-sugar-back-to-normal-may-cut-heart-risk-in-prediabetes.html
Redaktioneller Fachbeitrag für medizinische Fachkreise. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information und der Einordnung der Studienlage. Er stellt kein Heilversprechen dar und ersetzt keine fachliche Bewertung im Einzelfall. Stand: 18.06.2026.
